Das ProjektEngagierte Männer und Frauen ü70 erzählen

Die Schweizer Gesellschaft verändert sich: Wir werden immer älter und bleiben länger jung. Die Hälfte des Jahrgangs 1997 wird nach demografischen Prognosen ihren 100. Geburtstag feiern können.  

Das erfordert auch ein anderes Älterwerden: Expert*innen empfehlen reiferen Jahrgängen nicht mehr Schonung, sondern Engagement und Bewegung für Kopf, Herz, Hand und Beine – vorzugsweise in Gesellschaft anderer Menschen. Wie das funktionieren kann, zeigen bereits heute Hunderte beruflich und ehrenamtlich aktive Menschen in der Schweiz, die sich keinen Deut um Pensionsalter und stereotype biografische Leitbilder kümmern.  

Ihnen und ihren vielfältigen biografischen Wegen ist das Projekt Älterwerden auf der Spur. Wie und unter welchen Bedingungen bewegten und bewegen sie sich jahrzehntelang im Erwerbsleben, in zivilgesellschaftlichen Rollen und wie kombinierten sie all dies mit Care-Arbeit und Partnerschaft?  

Um diese Frage zu beantworten, dokumentiert und analysiert das Citizen Science-Projekt die Lebenswege von Menschen, die ihre mittlere Phase dehnten und übers Pensionierungsalter hinaus engagiert tätig sind. Erkenntnisse über das Geflecht von Einflüssen beim Zustandekommen nicht gängiger biografischer Wege sollen jüngere Generationen inspirieren, selbst neue Lebensentwürfe zu erproben.

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Die zentralen Forschungsfragen lauten:

Wie kommen und kamen lange, auch ausserfamiliär engagierte Arbeitsbiografien in der Schweiz zustande?

Welche Kontextfaktoren und persönlichen Lerngeschichten beeinflussten und beeinflussen Weichenstellungen und Verhalten von Menschen ab Mitte des 20. Jahrhunderts bei der Gestaltung ihres Lebenszyklus, die nicht dem geläufigen Dreitakt Ausbildung – Erwerbsarbeit – Ruhestand folgen?

Aktuell führen und dokumentieren die beteiligten Bürgerwissenschafter*innen strukturierte Gespräche mit rund 50 ganz unterschiedlichen Personen aus der Deutschschweiz zu ihrer Arbeits- und Lebenserfahrung. Parallel dazu wertet die Projektleitung die erfassten Daten aus und lässt die so gewonnenen Erkenntnisse in eine wissenschaftliche Berichterstattung einfliessen, die ab Herbst 2021 thematisch gebündelt und Etappenweise publiziert wird. Die Einhaltung von Qualitätsstandards aller Arbeiten gewährleisten Professorinnen und Professoren von ETH und Universität Zürich. Die Projektarbeit erstreckt sich in der ersten Phase über den Zeitraum Juli 2020 bis Ende 2021.   

In einem zweiten Schritt gestalten Forschende und Auskunftsgebende gemeinsam ihre persönlichen Lebensgeschichten in Bild, Ton, und Text. In projektinternen Workshops übten sich die Forschenden darin, ihr Smartphone zur Präsentation von wichtigen Erfahrungen und Verhaltensmustern zu nutzen. Daraus entsteht eine Art Bibliothek anspruchsvoller biografischer Situationen und dem Umgang damit. Diese wird ab Herbst 2021 online und öffentlich zugänglich sein: Eine Sammlung, die die User*innen von heute zur Reflektion des eigenen Lebenswegs und der Gestaltung von Weichenstellungen jenseits von Burnout oder Ruhestand anregen soll. 

Die Audiodokumente der narrativen Interviews werden als wichtige Zeugnisse der Zeitgeschichte im Schweizerischen Sozialarchiv archiviert. 

Literaturauswahl

Cavendish, Camilla: Extra Time. 10 Lessons for an Ageing World, New York 2019. 

Kast, Verena: Was wirklich zählt, ist das gelebte Leben. Die Kraft des Lebensrückblicks, Freiburg im Breisgau 2014. 

Lewin, Kurt: Feldtheorie in den Sozialwissenschaften, Bern 1963. 

Michel-Alder, Elisabeth: Wissen schaffen, in: Education Permanente 4/2019, S. 24-26.

Maissen, Thomas: Geschichte der Schweiz, Baden 2015. 

Perrig-Chiello, Pasqualina: Autobiografische Erinnerung: Fakt oder Fiktion?, in: UniPress 160/2014, S. 16-17.  

Richter, Emanuel: Seniorendemokratie. Die Überalterung der Gesellschaft und ihre Folgen für die Politik, Berlin 2020. 

Rosa, Hartmut: In der Arbeit finden wir die Welt, in: Neue Zürcher Zeitung, 16.9.2019.  

Ruhe, Hans Georg: Praxishandbuch Biografiearbeit. Methoden, Felder und Themen, Weinheim 2014. 

Siegenthaler, Hansjörg: Biographische Leitbilder als Gegenstand sozialen Lernens, in: Education Permanente 1/2020, S. 31-35.

Skapinker, Michael: Will ageism get worse in the post-pandemic workplace?, in: Financial Times, 28.5.2020.

Strauss, Anselm L.: Grounded Theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung, Weinheim 1996. 

Tanner,  Jakob: Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, München 2015.